Evangelische Gemeinde DeutscheR SPRACHE IN INDONESIEN

Gottesdienste

Wolfgang Gern Reformationspredigt zu Galater 5, 1 und 13

am Sonntag, 25.10.2026 in Jakarta, Indonesien

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Als Predigttext für den heutigen Reformationstag habe ich ausgewählt zwei Verse aus dem Galaterbrief, Galater 5, die Verse 1 und 13.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen… Ihr seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Egoismus Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.

Liebe Gemeinde,

es war im Mai 1521, als Kaiser Karl V. nach dem Verhör Martin Luthers die Reichsacht durchsetzte, das Wormser Edikt: Niemand durfte ihn beherbergen, jedermann sollte ihn an Rom ausliefern, und vor allem: seine Schriften waren  verboten.  Vorausgegangen  war  das  Verhör

Luthers, in dem er sich weigerte, seine Schriften gegen Papst und Konzilen zu widerrufen. Luther sagte: „Und solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen“. Später wurden zusätzlich die Worte überliefert: „Hier steh‘ ich, ich kann nicht anders“. Seither haben sich viele mutige Menschen gleich welcher Konfession auf diesen Satz berufen – etwa im Widerstand gegen Obrigkeit und Unfreiheit.

Das ist die erste Botschaft der Reformation: Wir sind frei. Frei, weil Christus uns aus der Knechtschaft unserer Schuld, aus der Verstrickung in Fehler und Versuchungen, aus dem Leiden an unserer Unvollkommenheit befreit hat. Wir sind frei. Frei auch, uns selbst zu begrenzen. Frei gegenüber religiösen und politischen Autoritäten. Frei und nicht unmündig gegenüber Mutter Kirche und Vater Staat. Weder gleichgeschaltet noch untertänig, weder geknechtet noch unterworfen. Frei gegenüber sinnentleerten Ritualen. Frei von sinnlosen Rechthabereien. Frei in unserem Gewissen. Nicht durch Drohgebärden, Mauern

und Grenzen behindert, frei zu sein. Nein, frei. Auch frei, einander zu verzeihen und zu vergeben. Einzig gefangen durch Gottes Wort – Wort der Vergebung durch und durch. Leidenschaftlich gefangen in Gottes Wort, wie in einer Liebe gefangen. Frei, seiner Liebe zu vertrauen – in seinem fleischgewordenen Wort. Damit es wohnt unter uns für alle Zeit. Das ist die Freiheit eines Christenmenschen, von der Martin Luther spricht. Weitergedacht ist diese Freiheit eine Art demokratischer Urknall, ohne dass das Wort Demokratie schon eine Rolle spielte.

Als einstiges Berliner Kind denke ich natürlich zuerst an die Freiheitsglocke auf dem Schöneberger Rathaus in Berlin – mit der Inschrift: „Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und jeder Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen“. Die Freiheitsglocke – ein Geschenk der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit dieser Inschrift! Und ich denke an das Jahr 1990 – und wage kaum, daran zu denken, was daraus geworden ist.

Wie aktuell weltweit die reformatorische Sehnsucht nach Freiheit und Meinungsfreiheit ist, das führen uns Bewegungen und vor allem Schriftsteller vor Augen. Zum Beispiel Han Kang aus Südkorea, die Literaturnobelpreisträgerin von 2024, wenn sie sehnsüchtig und auch verzweifelt fragt: „Ist es die Bestimmung des Menschen, erniedrigt, verletzt, getötet zu werden, wie es die Geschichte immer wieder belegt?“ Zum Beispiel Salman Rushdie, der vor Jahren in der Frankfurter Paulskirche sagte: „Wir sollten weiterhin und mit frischem Elan machen, was wir schon immer tun mussten …falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in Zeiten der Lügen durchsetzen kann“.

Die Freiheit in Christus, wie Martin Luther sie verstand, will nicht innerlich und im Privaten bleiben, sie will nicht vertrösten, sie will nicht mickrig in religiösen oder kirchlichen Konserven abgestellt werden, die nur zu Traditionsfeiern geöffnet werden. Nein, Freiheit muss sich bewähren, immer wieder neu bewähren. Sie muss spürbar werden als äußerliche Freiheit derer, die nach

Würde, Gerechtigkeit und Befreiung schreien. Etwa wie es Boualem Sansal, der algerische Schriftsteller, im Angesicht des arabischen Frühlings im Jahre 2011 getan hat: „Die Menschen lehnen Diktatoren ab, sie lehnen Extremisten ab, sie lehnen das Diktat des Marktes ab, sie lehnen den erstickenden Zugriff der Religion ab – sie wollen frei und glücklich leben“. Ja, sie wollen frei und glücklich leben. So erfahre ich es derzeit in Jakarta, wo auch in Krisenzeiten die Hoffnung auf spürbare Freiheit und auf soziale Gerechtigkeit lebendig bleibt. Und die Menschen drängen auf Veränderung inmitten der Klimakrise angesichts verheerender Waldbrände.

Hier nun kommt der von Luther geliebte Galaterbrief ins Spiel: Freiheit ist kein „everything goes“, keine libertinistische Freiheit derer, die sich alles leisten können. Freiheit bedeutet frei sein für andere. Weil die Freiheit in Christus als Liebe gekommen ist, befreit sie zum Dasein für andere, zur Gemeinschaft mit anderen. Ungezwungen, ohne Zwang. Martin Luther sagt es in seiner Freiheitsschrift von 1520 so: „…da geht der Glaube mit Lust und Liebe ins Werk“. Und: „Ein Christ

lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten. In Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe“.

Warum ist das so, warum werden wir befreit, nicht nur zum Dienst für andere, sondern auch befreit vom Zwang der Abgrenzung? Befreit dazu, Vorurteile zu überwin­den? Weil für alle Menschen ohne Ausnahme gilt: Allein aus Gnade bist du, was du bist. Sola gratia! Unsere Urteile und Vorurteile, unsere Leistungsskalen können daran nichts ändern: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1. Korinther 15,10). Das muss ich mir, das musst Du dir nicht verdienen. Gleich welcher Herkunft Du bist. Durch Gottes Gnade bist Du, was Du bist.

Diese beiden großen reformatorischen Aufbrüche haben unseren Glauben geöffnet: dass Freiheit immer zugleich in die Liebe führt und dass alle Menschen sich ohne Ausnahme der Gnade Gottes verdanken. Dafür musst Du nichts tun, kannst Du nichts tun. Nicht indem wir das Gerechte tun, werden wir zu Gerechten. Wir sind von Gott längst gerechtfertigt. Er vertraut uns seine Liebe an. Als von ihm gerechtfertigte Menschen tun wir hoffentlich

das Gerechte. Das ist ein entscheidender Unterschied. Der Mensch ist durch die Reformation von der Denkmalspflege seiner Selbst befreit. Wir dürfen aufatmen und sind frei, befreit zu „freien Werken“. Auf dem festen Glauben gegründet, in dem Vertrauen, bedingungslos von Gott angenommen zu sein, mit der von ihm geschenkten, unantastbaren Würde.

Martin Luthers ‚Sola Gratia!‘ hat ganz wesentlich zum Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes beigetragen. 77jährig ist es und hoch aktuell. Deine und meine Würde – sie sind unantastbar. Die Würde des Menschen ist unantastbar – wann und wo, und wer immer, sie ist unantastbar. „Sola gratia“ ist kein europäisches oder christlich-abendländisches Privileg. Will sagen: Man kann nur aus Liebe Glauben haben, nicht aus Hass oder Abgrenzung. Kaum auszumalen, was das bedeutet.

In Zeiten der Krise macht uns dies frei, füreinander einzustehen. Dazu lädt der Galaterbrief uns ein, unmittelbar nach unserem Predigttext: „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2). Martin Luther hat in einer Fastenpredigt von 1526 sinngemäß gesagt: Das Reich

Gottes ist Gnade und Barmherzigkeit. Da ist auf Erden Tragen und Tragen. Das Lastentragen füreinander ist Reich-Gottes-Arbeit. Was für eine Botschaft! Vor allem die Krise unserer Welt ist die Stunde der Christenheit, die weltoffen, liebevoll und frei bei den Menschen ist – und sich dabei ganz auf ihren Herrn verlässt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Herzlich
Ihr Pfarrer Wolfgang Gern